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Marie-Alice Schultz
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FOTOS / VIDEO
Henning Christiansen
veröffentlicht am 1.11.2026

Will man Oskar treffen, muss man weit hinaus fahren. Er wohnt hinter der Stadtgrenze in einem anderen Bundesland. Steigt man aus dem Zug, steht er bereits am Gleis, reckt den Kopf in die Richtung, in die man besser nicht läuft. Sobald er uns erspäht, überzieht ein Lächeln sein Gesicht. Vielleicht tat es das auch schon vorher.
Wir steigen in sein Auto, er ruckelt an seiner Brille. Nächste Woche bekommt er eine neue, aber für die Fahrt wird es schon reichen.
Wollt ihr was essen?
Oskar hält vor einem Bäcker, holt Brötchen, hält vor einer Buchhandlung, und man weiß nicht, was ihm wichtiger ist.

Bevor alles beginnt, sitzen wir in seiner Küche vor einem Berg Brötchen. Oskar schneidet Salami in Scheiben. Es riecht nach Kaffee aus der riesigen Maschine. Zurückgezogen an den Ort seiner Kindheit sei er, weil diese ihm gut gefallen habe.
Warum ich hier lebe, ist Zufall. Ich bin hier mal hergezogen als Kind und dachte später: »Die Kindheit, die besten Tage waren hier, ich muss hier wieder zurück.« Was völliger Quatsch ist, natürlich. Dann bin ich hier wieder gelandet, und erst war es ganz komisch, zurückzukommen, aber jetzt hat man hier wieder so ein Leben irgendwie.
Er lacht, erzählt vom monatlichen Filmclub in einer benachbarten Scheune. Von den Menschen in seinem Umfeld, die nicht lesen. Er habe es aufgegeben, sie überzeugen zu wollen.
Das Haus, das er mit seiner Frau bewohnt, liegt am Tannengrund. Der Eingang ist ein wenig versteckt, aber nicht so, dass man ihn nicht finden würde.

Oskar will uns die Umgebung zeigen an diesem sonnig-windigen Tag. Wir steigen auf Räder, die er aus seiner Werkstatt schiebt. Bald fahren wir an einstigen Liegepavillons vorbei. Tuberkulosekranke kamen an diesen Ort, um zu genesen. Sie lagen in Betten und atmeten die frische Kurluft ein. Die Pavillons sind nach Süden hin ausgerichtet, allen fehlt eine vierte Wand. Wir schauen direkt auf die Betten.

Weiter geht es in den Wald, über holprige Wege. Oskar will über eine Wurzel fahren, gerät ins Schleudern. Gekonnt lässt er sich auf die Seite fallen. Oh, ruft es aus dem Gebüsch, die Blaubeeren sind schon reif. Jeder Fall wird ihm zum Fund.
Ähnlich scheint er zu seinen Figuren zu kommen. Sie liegen vor ihm, bewegen sich durch sein Sichtfeld: Freunde, Bekannte. Fast immer bevölkern Menschen seine Erzählungen, für die es zumindest einen Kern in der Realität gibt.
Der Gelbe Richard zum Beispiel, nach einer Apfelsorte benannt, der mehrmals in Oskars Kurzgeschichten auftaucht, ohne wirklich da zu sein. Die anderen Figuren sprechen über ihn, beratschlagen über den kranken Freund, dessen Gesichtsfarbe sich im Namen niederschlägt.
Indirekte Geschichten, nennt Oskar seine Texte. Ältere Herren treffen sich zum Stammtisch im Eiscafé und besprechen das Weltgeschehen. Es bauscht sich was auf, oder es wird auseinandergenommen, es wird die Welt so irre kommentiert. Es sind nur wenige Geschichten, in denen etwas passiert.
Dass dennoch viel passiert, liegt an Oskars wachem, ein wenig spöttischen Blick auf seine Umwelt. Schnell steigt er wieder aufs Rad, führt uns tiefer in den Wald. Wir fahren vorbei an Moos und Geflecht.

Oskar erzählt, wie er zum Schreiben kam, von der Keimzelle für seine Erzählungen:
Begonnen hat es in Berlin, wo er eigentlich Tiermedizin studieren wollte, doch das viele Auswendiglernen ihn langweilte. Stattdessen begann er zu schreiben. In seiner Erdgeschosswohnung im dritten Hinterhof, in die nur einmal im Jahr die Sonne schien, war der eine Teil des Holzfußbodens von Pilzen zerfressen. Sein Mitbewohner und er hatten die Stelle mit Flatterband abgesperrt, damit Gäste nicht hineinfielen. Es roch nach Champignons, weiße Fäden durchzogen das Holz. Der ideale Ort, um zu schreiben. In dieser Berliner Einsamkeit entstand Oskars erste Kurzgeschichte.
Handschriftlich, wie alle seine Texte. Erst im zweiten Schritt tippt er sie auf der Schreibmaschine, überarbeitet sie dafür komplett neu. Besser als am Computer sei das, wo häufig nur eine spezielle Stelle partiell geändert wird.
Er tritt in die Pedale.

Das waren Kurzstrecken meistens, die ich gemacht hab. Das ist manchmal toll, wenn die so quasi aus dem Kopf rauskommen und relativ gut sind und fertig, und du selber, wenn du die nochmal überarbeitest, merkst, dass sie mehr Ebenen haben, als du am Anfang dachtest, und du da selber Sachen noch entdeckst, die du dann eben betonst oder bisschen zurückdrängst, wenn du's blöd findest.
Oskar will uns den Märchenpfad zeigen, zwei Männer hätten ihn hier im Wald angelegt. Figuren aus Holz, ein wenig gruselig sei das. Aber weil ihm das Spontane liegt, landen wir erst in einem Hofcafé, das auf unserer Strecke liegt. Wir bestellen Spargelcremesuppe, Oskar trinkt einen Kaffee, hält sein Gesicht in die Sonne.

Genau das interessiert mich, dem Alltag so etwas abzuringen wie eine Geschichte. Etwas Tröstliches, Sinnstiftendes. Und das ist ja fast ein donquichottischer Kampf, weil der Alltag gar nicht so ist, aber dass man trotzdem darauf besteht, und manchmal mit echt fiesen Tricks und komischen Hilfsmitteln dann doch so eine Art Geschichte da rein konstruieren kann, das finde ich ganz lustig.

Wir löffeln nickend unsere Suppen, er spricht weiter darüber, was seine Literatur ausmacht:
Dass es auch ein bisschen fragwürdig bleibt. Dass nicht ganz klar ist, ob die Welt so ist wie die Geschichten, oder ob die Geschichten der Welt abgerungen sind oder ihr aufgepfropft wurden. Das finde ich so ein interessantes Spannungsverhältnis, und eigentlich ist das auch, was den Menschen ausmacht. Dass man es versucht, so eine Geschichte da reinzukriegen in alles Mögliche, einen Sinn. Wo man auch scheitern muss im Grunde. Ich glaub, im Grunde ist die Wirklichkeit anders. Oft ist der Spaß sogar, dass man sich freut, wenn es grotesk scheitert und nichts wird: Die Realität und die großen Vorhaben.
Aktuell schreibt Oskar nicht. Auf die Frage, was er tue, antwortet er:
Ich lauf irgendwie rum und such mir was zu tun. Man entwickelt ja immer irgendwas, auch wenn du Rasen mähst, entwickelst du eine Technik.
Über fünfundzwanzig Jahre hat er als Gärtner gearbeitet. Ich war nicht überzeugt von der Mission, kommentiert er seinen Job. Unkrautzupfen und Ausmerzen sei es häufig gewesen. Er habe es schwierig gefunden, die Natur so hinzutrimmen, wie der Mensch es wollte.

Ähnlich einschneidend empfand er die Arbeit mit dem Verlag seines ersten Erzählbandes:
Es war wahnsinnig anstrengend, weil die so eine Angst hatten, was falsch zu machen. Die fanden die Sprache falsch. Ein Wortspiel konnten die gar nicht verstehen, sagten: »Das geht so nicht, das Wort gibt es nicht.« Sagte ich: »Man versteht das doch. ›Er blues die Backen auf‹, ist doch okay, kann man doch schreiben!« Das wollten die um Teufels Willen nicht. Dann haben sie extra noch einen Lektor eingeschaltet. Das war ein echt bekannter Lektor. Der hat gesagt: Diese Geschichte mit dem Blues, die findet er gut. Die anderen Geschichten, geht so, aber die Geschichte, da ist was dran. Da habe ich triumphiert.
Oskar ist kein Mensch, der sich stutzen ließe.


Wir beschließen, wieder aufzubrechen, kommen vorbei an einem Obststand. Erdbeeren wandern auf den Gepäckträger. Oskar fährt Schlangenlinien über den Radweg. Er will uns noch ein unbewohntes Haus zeigen. Vorhänge wehen heraus. Nähern darf man sich nicht. Schilder warnen von weitem. Wir steigen trotzdem ab. Ich starre durch das Fenster auf übrig gebliebenes Geschirr. Leider könne er mir keine Tasse herausholen, sagt Oskar. Aus der Entfernung schreit jemand, wir sollen uns vom Objekt entfernen. Es ist der Besitzer. Eigentlich ein ganz netter Mann, sagt Oskar. Schnell steigen wir wieder auf die Räder. Weg vom Objekt!, rufe ich Oskar zu.

Zurück in seinem Haus trinken wir zu viert Kaffee, essen Kuchen. Ulrike, Oskars Frau, hat ihn gebacken. Ähnlich jugendlich wie er wirkt sie. Lachend erzählt sie, dass alle elektronische Korrespondenz über sie laufe. Oskar hat kein Handy, lieber hört er Radio. Bei einem Telefonat mit einer Hotline sei er mal derart verzweifelt, dass seine älteste Tochter gesagt habe: Lass mal, ich mach das.
Geschrieben hat Oskar abends, wenn seine Töchter schliefen. In seinem kleinen, fast quadratischen Schreibzimmer türmen sich noch heute die Bücher. Zu Verlagen fuhr er selbst, sein Manuskript in der Hand. Übergab es denen, die er vor Ort vorfand. Den Hausmeistern oder Portiers.

Für eine seiner Erzählungen gewann er den Hamburger Literaturpreis. Kurz zuvor war er beim Ausparken gegen die Seitentür eines anderen Autos gefahren. Das Preisgeld ging größtenteils für die Reparaturkosten drauf.
Oskar nimmt ein Stück Rührkuchen auf die Gabel, spricht über seine Bedenken zur generellen Entwicklung der Literatur. Dem Druck, zu allen Themen der Zeit sofort Stellung beziehen zu müssen:
Manchmal denke ich bei so aktuellen Sachen, dass immer alles so verarbeitet sein muss und will. Da wird vieles, was noch gar nicht klar ist, schon verwurstet. Das kann etwas von einem komischen Schnellschuss haben. Um das literarisch zu verarbeiten, find ich, braucht es mehr Zeit.
Zu seinem eigenen Schreiben befragt, antwortet er:
Jetzt brauch ich nicht mehr los, ich hab ja nichts in den Taschen. Man würde gern sagen: »Ich mach was, wenn ihr mir einen Vertrag gebt.« Würde man sich auch fies unter Druck setzten.

Wollte er nie berühmt sein?
Ja, ist eine gute Frage. Wenn man richtig kritisch mit sich ist, weiß man es nicht, ob es einem nicht doch gefallen hätte. Aber nö. Ist natürlich ein zu schwerer Weg gewesen, das hab ich schon gesehen. Viel Klinkenputzen und Netzwerken, was ja auch stressig ist. Wenn es so weit ist, bist du ja immer unter Druck. Willst dann ja auch da oben bleiben.
Wird er nie wieder etwas schreiben?
Das weiß man ja nicht. Vielleicht schon. Ehrlich, das kommt, wenn es kommt. Dann kommt was, und man probiert was aus und notiert was, und daraus wächst dann mehr. Und wenn nicht, dann nicht.
Wir hoffen auf wildes Wuchern.

Oskar Sodux ist langjähriges Mitglied im »Forum Hamburger Autorinnen und Autoren«. Er hat mehrere Kurzgeschichtenbände und einen Roman geschrieben. 1999 erhielt er den »Förderpreis für Literatur der Freien und Hansestadt Hamburg« für seine Erzählung »Gedächtnisprotokoll«. Er hat drei erwachsene Töchter und lebt mit seiner Frau in der Nordheide.
Veröffentlichungen
»Kreuzzüge in die Grauzone«, Rospo Verlag 1995
»Es riecht nach Zirkus«, Achilla Presse 1996
»Triebwagenfahrt ins Blaue hinein«, Durchschuss Verlag 2000
»Bitter, Richter, Sodux«, Durchschuss Verlag 2001
»Neues aus Allerwelt«, Achilla Presse 2008
»Aus dem großen Katalog der Wunderdinge«, Textem Verlag 2018
Oskar Sodux liest Geschichten »Aus dem großen Katalog der Wunderdinge«.
Weitere Weblesungen, aufgezeichnet von Rüdiger Kessner im Auftrag der Kulturbehörde Hamburg.
DIE ZEIT über »Neues aus Allerwelt« von Oskar Sodux
»Neues aus Allerwelt« – Roman von Oskar Sodux
»Aus dem großen Katalog der Wunderdinge« – Geschichten von Oskar Sodux